Accessibility Blog Parade gestartet
Im österreichischen Main_blog startet ab heute die Accessibility Blog Parade. Inhalt und Ziel dieser knapp fünfwöchigen Initiative ist es, “in der Blogwelt die Sichtweisen und Standpunkte zum Thema Web Accessibility zu erkunden und zu vernetzen”. Grundsätzlich ist jeder eingeladen, zu diesem Projekt Blogeinträge beizusteuern. Also ein weiterer Beitrag zum Mitmachweb. Als erster macht Kollege Jan Hellbusch mit.
Was bedeutet Barrierefreiheit?
Jan Hellbusch stellt sich der gar nicht so einfach zu beantwortenden Frage, was denn nun diese Barrierefreiheit überhaupt meint. Obwohl, eigentlich scheint die Frage ganz einfach zu beantworten: beim Barrierefreien Webdesign, so Jan Hellbusch, “steht der Mensch mit einer Behinderung stets im Vordergrund”. Ist diese Position wirklich gerechtfertigt?
Nichts anderes sagt zwar auch die BITV aus. Zusätzlich beschreibt Jan Hellbusch die Barrierefreiheit aber nicht schon dann als erfüllt, wenn schlaue Webdesigner ihre Seiten barrierearm gestaltet haben, sondern erst dann, wenn sie autonom “mit den Fähigkeiten und den Hilfsmitteln behinderter NutzerInnen genutzt” werden können. Den Begriff Accessibility bzw. seine Übersetzung Zugänglichkeit stellt er ebenfalls im Schutze des W3C ausschließlich in den Dienst von Menschen mit Behinderung(en).
Und alle anderen?
Nun ist es ja durchaus sinnvoll, sich von Vereinnahmungen abzugrenzen, die vornehmlich zum Zwecke der öffentlichkeitswirksamen und monitären Expansion fachliche Begriffe nach Belieben umbiegen. So zumindest kann man Jan Hellbuschs Aussagen lesen. Doch mit obigem Verständnis von Barrierefreiheit stellt man sich auch selbst ein Bein. Auf kürzeste Art und Weise lässt sich das verdeutlichen, indem man folgende Fragen im Sinne der oben erwähnten Maßgaben mit Ja oder Nein beantwortet:
- Ist eine Seite barrierefrei, wenn sie für blinde, netzhauterkrankte, gelähmte oder geistig behinderte Menschen vollständig nutzbar ist, nicht aber für Menschen mit Rot-Grün-Farbfehlsichtigkeit oder Gicht?
- Ist die Seite eines Maschinenbaukonzerns barrierefrei, wenn sie in Erfüllung der BITV/WCAG-Anforderungen auf Fachbegriffe verzichtet, damit auch Menschen mit Down-Syndrom verstehen, welche Konsequenzen ein “Crash bei der lubrikantenfreien Komplettbearbeitung in einer einzigen Aufspannung” hat? Oder alternativ seine Inhalte in einer Einfache-Sprache-Version anbietet?
Beide Fragen mit “Ja” beantwortet? Willkommen im Dilemma der Barrierefreiheit. Zeigt sich hier nicht, dass wir mit einem sehr eingeschränkten Verständnis von Behinderung und damit von Barrieren zu kämpfen haben? Zur Gruppe behinderter Menschen gehören dann genau genommen nur jene, die in die Schemata der gesetzlichen, gesellschaftlichen und kassenärztlichen Verwaltungsstruktur passen. Farbfehlsichtige Menschen beispielsweise gehören nicht dazu. Und einen Webauftritt, der sich ausschließlich an Ingenieure wendet, als nicht barrierefrei zu bezeichnen, wenn das Angebot nicht auch in Einfacher oder zumindest sehr leicht verständlicher Sprache angeboten wird, ist schlichtweg unvernünftig. Wir brauchen wohl ein umfassenderes Verständnis vom Umgang mit Inhalten und ihrer interaktiven Vermittlung im Web, wenn hier gemeinsame Wege für alle (Barrierengeplagten) gefunden werden sollen.
blanzelot
Am 10. Oktober 2007 um 20:09 Uhr
Die Abgrenzung der Barrierefreiheit und auch der Accessibility wird sicherlich nicht die Nutzbarkeit für andere einschränken. Das Beispiel mit der rot-grün-Blindheit ist da auch kein gutes Beispiel, denn wenn man die Richtlinien zur Barrierefreiheit (für Versierte: Bedingungen 2.2 und 2.3) liest, wird feststellen, dass auch dies von der “Barrierefreiheit” abgedeckt ist. Im Falle der Sprache haben wir es allerdings nicht ganz so leicht: Die Gummi-Anforderung zur Verständlichkeit (nochmals für Versierte: Bedingung 14.1) hat den Zusatz “… die angemessen ist”. Das macht die Sache nicht wirklich leichter, aber es finden sich meist keine Konflikte i.d.S.
Barrierefreiheit ist für manche die Voraussetzung, dass sie eine Seite nutzen können. Für die meisten ist es nicht einmal bemerkbar.
Am 12. Oktober 2007 um 11:29 Uhr
Die Bedingungen 2.2 und 2.3 werden zurecht ebenfalls kontrovers diskutiert und enthalten einen ähnlich hohen Gummi-Koeffizienten wie die 14.1, wenn es um die Gestaltung von Inhalten geht. Die Auslegung führt zu durchaus vernünftigen Umgangsmöglichkeiten, muss sich aber auch wieder von der suggerierten Eindeutigkeit in der Richtlinie verabschieden.
Das Alles ändert aber nichts daran, dass Farbfehlsichtigkeit (offiziell) nicht zu den Behinderungen gehört. Selbiges gilt für zahlreiche andere Zugangsformen- und probleme. Und somit gibt es auch keinen Grund, Barrierefreies Internet aus einer behindertenzentrierten Sichtweise heraus zu definieren. Das schürt die Gefahr, Barrierefreiheit immer als etwas Zusätzliches, “Aufgepfropftes” auf Webdesign zu verbreiten. Und das ist in den meisten Anwendungsfällen weder notwendig noch wünschenswert.
Am 15. Oktober 2007 um 15:07 Uhr
[…] aber Stefan Blanz in einem weiteren Beitrag zur Blog Parade glaubhaft aufzeigt, rufen auch scheinbar klare Antworten weitere Fragen hervor, z.B. die nach dem […]
Am 18. Oktober 2007 um 16:54 Uhr
Barrierefreies Web als Geschäftsfeld…
Beginnen wir mit name dropping: Jan Eric Hellbusch definiert hier im MAIN_blog Barrierefreiheit neu als Gebrauchstauglichkeit vor dem Hintergrund einer Behinderung. Usability für Menschen mit Behinderung nun also, mehr als reine Accessibility im …
Am 19. Oktober 2007 um 17:18 Uhr
[…] Meinung von Jens und unterstreiche die Ausführungen von Ansgar und von Stefan Blanz, der in seinem Blogbeitrag zum Thema auf einen Kommentar von Jan mit seiner Antwort das Dilemma der Barrierefreiheit sehr treffend […]
Am 31. Oktober 2007 um 14:40 Uhr
[…] wurden Themen wie Moral, Barrierearmut und Ausgrenzung nicht behinderter Menschen thematisiert, was sicher nicht verwerflich ist, und doch eine gewisse Abgrenzung zumindest zu […]
Am 6. November 2007 um 21:39 Uhr
[…] Jan Eric Hellbusch zu meinem Blog-Parade-Beitrag, den ich ja auch vornehmlich als Antwort auf Jans Kommentar zu einem Beitrag von Stefan Blanz formulierte. Stefan Blanz selbst brachte das Thema der Begrifssverwirrungen und eine für mich […]
Am 2. Dezember 2007 um 21:13 Uhr
[…] Fachbeiträgen und Kommentaren an der Accessibility Blog Parade, etwa Jens Grochtdreis, Stefan Blanz, Nils Pooker , Dirk Ginader , Stefan David oder Stefan Nitzsche sowie die in Wien aktiven Webkrauts […]
Am 9. Juli 2008 um 23:43 Uhr
Es stimmt wohl, dass die Barrierefreiheit ein wichtiges Thema ist, dass eine breitete Aufmerksamkeit bekommen sollte. Ich habe auch selbst immer wieder das Problem bei der Gestaltung von Webseiten, in wie weit ich die Seite barrierefrei machen kann, ohne sie dann im Design, oder im Aufbau einzuschränken. Desweiteren brauche ich für ein barrierefreies Layout wesentlich mehr Zeit, als für ein “normales”. Manchmal “lohnt” es sich nicht, was aber sehr schade ist…
Am 5. November 2008 um 00:03 Uhr
Ja, die Barrierefreiheit ist das eigtl. A&O. ICh bin auch gerade dabei, dies zu optimieren.
Am 12. Januar 2009 um 14:16 Uhr
Manches kann man wirklich kompliziert machen, in der deutschen Sprache wohl erst recht. Wer nicht die Fähigkeit hat, über einen fünf Meter breiten Fluss zu springen, der wird es sicher auch nicht versuchen. Genauso ist es mit Menschen, die andere Defizite haben, gesundheitliche, psychische oder einfach weil ihr Körperbau nicht dem Durchschnitt entspricht. Sie werden manche Bedürfnisse nicht haben. Es allen Leuten recht getan, ist ein Ding, was keiner kann. Aber zum Thema, was bedeutet Barrierefreiheit. Einer der nicht Deutsch-Muttersprchler (wie ich es bin) wird vermutlich glauben, dass eine besondere Freiheit einer Barriere gemeint sein könnte. Ein anderes Beispiel sind wohl die Begriffe Arbeits- und Brandschutz. Ich verstehe schon, wovor mit Brandschutz schützt, aber Arbeitsschutz …toll. Die Kompliziertheit der deutschen Sprache (oder soll ich besser sagen der Deutschen an sich) beginnt bereits in sich selbst. Schlussfolgernd bin ich der Meinung, jeder soll die Freiheit haben, seine Website gestalten, wie er es mag.
Lisa